Navigation

Fluxus-Festival der Neuen Kunst

1964

Fluxus Festival der neuen Kunst

Audimax der RWTH Aachen, August 2016

Das Fluxus-Festival der Neuen Kunst war eine Veranstaltung mit parallel stattfindenden Aktionen bekannter Fluxus-Künstler mit und von Studenten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Am 20. Juli 1964 lud Valdis Abolins, Kulturreferent des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Technischen Hochschule Aachen, und der Kölner Künstler Tomas Schmit zum Festival der Neuen Kunst ins Aachener Audimax ein. Das Datum des Fluxus-Festivals war politisch aufgeladen, da es 20 Jahre nach dem gescheiterten Attentat von Stauffenberg an Hitler statt fand. Beteiligt waren Eric Andersen, Joseph Beuys, Bazon Brock, Stanley Brouwn, Henning Christiansen, Robert Filliou, Ludwig Gosewitz, Arthur Köpcke, Tomas Schmit, Ben Vautier, Wolf Vostell, Emmett Williams und andere. An die 800 StudentInnen waren im Auditorium Maximum versammelt.

Wolf Vostell inszenierte auf der Bühne und im Zuschauerraum sein Happening Nie wieder – never – jamais. Mit einer Gasmaske begkleidet, an die eine blaue Glühbirne montiert war, schüttete Vostell gelbes Farbpulver auf die Bühne. Acht junge Männer nahmen mit dem Gesicht zur Wand Aufstellung. Auf Flugblättern, die Vostell zuvor im Publikum verteilt hatte, wurden die Zuschauer dazu aufgefordert, bei Aufleuchten der blauen Lampe die zuvor ausgeteilten Trillerpfeifen zu betätigen, woraufhin die Männer jedes Mal mit dem Rücken in das gelbe Pulver fielen. Vostell forderte das Publikum als Test auf die Manipulierbarkeit von Massen dazu auf, über die Handlung selbst zu entscheiden, wenn das blaue Licht erneut aufblinkte. Die Studentinnen und Studenten verweigerten sich jedoch und ein Pfeifenkonzert folgte.

Flugblatt des Fluxus-Festivals der Neuen Kunst von Wolf Vostell

Flugblatt des Fluxus-Festivals der Neuen Kunst von Wolf Vostell

Joseph Beuys führte nacheinander seine Aktionen mit den Titeln Kukei, Akopee – Nein! und Braunkreuz – Fettecke – Modellfettecken auf. Er füllte ein Klavier mit verschiedenen Gegenständen wie Bonbons und Waschpulver, um ein neues Klangerlebnis zu erhalten. Danach zeigte er dem Publikum Spielkarten und begann über einer Heizplatte Margarine zu schmelzen und anschließend in eine Zinkkiste zu füllen. Die Situation spitzte sich zu, als ein Fläschchen Salzsäure, die Beuys zum Dampferzeugen mitgebracht hatte, umkippte und ein Spritzer der Säure auf die Hose eines Studenten kam. Der Student schlug mit seiner Faust zu und traf Beuys’ Nase, die an zu bluten begann. Geistesgegenwärtig holte Beuys ein Kreuz hervor, das er in der linken Hand hielt um seine rechte Hand empor zu heben. Anschließend warf er Schokoladentäfelchen in das Publikum.

Aufgrund von entstandenem Tumult und der aufgewirbelte gelbe Farbstaub der Vostell-Aktion, der das Luftfiltersystem des Audimax zu verstopfen drohte, rief der Hausmeister die Polizei, der AStA-Vorsitzende Franz Josef Gotschlich brach schließlich die Veranstaltung ab und bat alle Anwesenden, den Saal zu verlassen. Um 21 Uhr, eine Stunde nach Beginn und zwei Stunden früher als vorgesehen, wurde die Veranstaltung abgebrochen. Nur ein Teil der Künstler (Beuys, Vostell, Köpcke, Williams, Filliou) hatte bis zu diesem Zeitpunkt Aktionen ausführen können. Das Fluxus-Festival in der Technischen Hochschule wirkte 1964 wie ein Startschuss, in dessen Nachfolge Aachen zu einem lebhaften Zentrum für Aktionskunst in Deutschland avancierte. Beginnend mit dem Festival der Neuen Kunst wurde von jungen Architekturstudenten die Galerie Aachen gegründet, die progressive und politisch motivierte Ausstellungen und Veranstaltungen zeigte.